„In der Minderheit“ - Sinti und Roma in Deutschland


Petra Rosenberg

Am 1. Februar 1998 trat das Rahmenabkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten in der Bundesrepublik Deutschland in Kraft, mit dem insgesamt vier nationale Minderheiten anerkannt wurden. Hierzu zählen die dänische Minderheit, die Friesen in Deutschland, das sorbische Volk und die deutschen Sinti und Roma.

Bundesweit wird die Zahl der Sinti und Roma mit deutscher Staatsangehörigkeit auf etwa 70.000 geschätzt. Als deutsche Sinti bezeichnet sich eine Minderheit, die seit etwa 600 Jahren in Deutschland lebt und eine eigene Kultur und Sprache besitzt. Ihre Vorfahren verließen, wie die der Roma, vor etwa 1000 Jahren ihre Ursprungsheimat, die der Sprachforschung zufolge im heutigen Nordwestindien und Pakistan liegt. Die deutschen Roma kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach der Abschaffung der Leibeigenschaft in Moldawien und in der Walachei sowie im Zuge des Ersten und Zweiten Weltkrieges nach Deutschland. Roma, die in den 1960er Jahren als „Gastarbeiter“ nach Deutschland kamen, besitzen teilweise ebenfalls die deutsche Staatsbürgerschaft. Darüber hinaus leben nicht eingebürgerte Roma aus Südosteuropa in Deutschland. Die überwiegende Mehrheit dieser von der Abschiebung bedrohten Flüchtlinge erhält nur eine begrenzte oder gar keine Aufenthaltsgenehmigung. Ihre Lebensverhältnisse unterscheiden sich ebenso wie die der Mehrheitsgesellschaft nicht nur regional, schichtspezifisch und familiär, sondern auch individuell voneinander.

In einer Hildesheimer Chronik aus dem Jahre 1417 werden „Zigeuner“ zum ersten Mal in Deutschland urkundlich erwähnt. Ihr „fremdes Aussehen“, ihre unbekannte Herkunft und Sprache, vermutlich auch der spätmittelalterliche Hexenwahn und ein extremes Misstrauen gegenüber allen fremden Lebensformen führten zu zahlreichen Gesetzen gegen „Zigeuner“. Schon seit ihrer Ankunft in Deutschland im 15. Jahrhundert sahen sich Sinti (und später auch Roma) sehr bald wechselnden negativen Einflüssen und ausgrenzenden Stereotypen ausgesetzt. In der Kaiserzeit und in der Weimarer Republik war die "Zigeunerpolitik" vorrangig auf Vertreibung ausgerichtet. Dies äußerte sich in Sonderverordnungen, die sich überwiegend gegen Gewerbetreibende richteten und in erster Linie die Zerstörung ihrer kulturellen Lebensformen zum Ziel hatten. Zudem begann die polizeiliche Erfassung, z. B. durch die bayerische „Zigeunerpolizeistelle“, die als Teil der Vorbereitung des nationalsozialistischen Völkermordes an Sinti und Roma angesehen werden kann.

In der NS-Zeit hatten Sinti und Roma in einem für sie bisher nie gekannten Ausmaß unter Erfassung, Verfolgung und Vernichtungsaktionen durch die Nationalsozialisten zu leiden. Die gegen sie gerichtete Rassenpolitik, die durch so genannte Rassenforscher wie Dr. Robert Ritter und Eva Justin gestützt wurde, legitimierte nicht nur Zwangssterilisationen, sondern auch die Deportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager.

Die Bundesrepublik, die nach 1945 die Rechtsnachfolge des „Dritten Reiches“ antrat, zeigte für die Verbrechen, die ihr politischer Vorgängerstaat an Sinti und Roma begangen hatte, jahrzehntelang kein Verantwortungsbewusstsein. Dagegen blieben viele Täter des nationalsozialistischen Völkermordes von jeder strafrechtlichen Verfolgung verschont und wurden nicht selten sogar weiter zu Rate gezogen, wenn es um die Begutachtung für die Entschädigungsleistungen von Opfern ging.

Die Geschichtswissenschaft, sofern sie den Völkermord an Sinti und Roma nicht völlig ignorierte, war geprägt von falschen Darstellungen im Geiste des Nationalsozialismus und früherer Ideologien. Justiz, Polizei, Entschädigungsbehörden und andere staatliche Institutionen setzten ihre Arbeit anhand von Gesetzen und Anordnungen aus der NS-Zeit fort. Die Entrechtung der Sinti und Roma zeigte sich insbesondere in gesellschaftlicher Ausgrenzung, der Verweigerung von Entschädigung für die nationalsozialistischen Verbrechen, durch den Versuch ihrer Ausbürgerung sowie in der Verfolgung durch die fortgesetzte polizeiliche Erfassung. Diese Fakten können als Anhaltspunkt dafür angesehen werden, dass für Sinti und Roma nach 1945 nicht „alles vorbei war”.

Nicht allen Opfern des Nationalsozialismus widerfuhr Gerechtigkeit. Diese Erfahrung machten Sinti und Roma in spezieller Weise. Die Frage der „Wiedergutmachung“ war in vielerlei Hinsicht problematisch. Der bürokratische Aufwand bei der Antragstellung bedeutete für viele Sinti und Roma eine unüberwindbare Hürde. Misstrauen und Angst gegenüber den Behörden waren so groß, dass viele ihre berechtigten Ansprüche erst gar nicht geltend machten und es später außerordentlich schwer hatten, ihre Entschädigungsansprüche durchzusetzen. Die viel zu späte Anerkennung der Sinti und Roma als Opfer des Nationalsozialismus ist ein Beispiel für die jahrelange Tendenz der Verleugnung des an ihnen verübten Völkermordes, dies trifft auch für die über Jahrzehnte hinweg gängige Praxis in der Begutachtung von Gesundheitsschäden durch NS-Verfolgung zu.

Darüber hinaus haben die jahrhundertelange und bis heute andauernde Ausgrenzungs- und Verfolgungspolitik in Form von individueller, institutioneller und politischer Diskriminierung in Deutschland und der Versuch ihrer vollständigen Vernichtung im „Dritten Reich“ weit reichende Folgen für ihre ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen. Sinti und Roma unterliegen vielfach sozialer Ablehnung, wirtschaftlich-beruflicher Benachteiligung sowie kultureller und politischer Unterdrückung und sind zumindest partiell von der Teilhabe und Mitwirkung an der Mehrheitskultur ausgeschlossen. Das spüren Sinti und Roma beispielsweise bei der Suche nach einem Arbeitsplatz oder einer Wohnung, bei Gaststättenbesuchen oder in Geschäften.

Die Sinti und Roma, die den Nationalsozialismus überlebt haben, sind durch ihre traumatischen Erfahrungen auf eine so nachhaltige Art und Weise geschädigt worden, dass ihr Vertrauen in die bundesrepublikanische Gesellschaft gestört ist. Das Erlebte schädigte aber nicht nur die Überlebenden des Holocaust. Auch das Bewusstsein der zweiten und dritten Generation ist von der Erfahrung geprägt, in dieser Gesellschaft Teil einer bedrohten Minderheit zu sein.

Der an Sinti und Roma verübte Völkermord war kein Thema im Schulunterricht und ist bis zum heutigen Tag allenfalls eine Fußnote in den Schul-Geschichtsbüchern.

Im Zuge der Bürgerrechtsbewegung in den späten 1970er Jahren in Deutschland machten Sinti und Roma unter anderem darauf aufmerksam, dass sie die Bezeichnung „Zigeuner“ ablehnen. Dies hat sich letztendlich auf politischer Ebene durchgesetzt und ist vergleichbar mit der Forderung der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den USA, die in den 1960er Jahren erreicht hat, dass die Bezeichnungen ”Neger” oder ”negro” als diskriminierende Begriffe nicht mehr verwendet werden dürfen. Dessen ungeachtet sehen sich Sinti und Roma immer noch genötigt, um die Anerkennung ihrer Eigenbezeichnung zu kämpfen. Dies offenbarte sich insbesondere im Streit um die Gestaltung des Denkmals für die ermordeten Sinti und Roma Europas, in dem Begriffe wie „Zigeuner“ und „Zigeunermischling“ zur Disposition standen, was eine demütigende und der Opfer unwürdige Debatte auslöste. Eine „Umbenennung“, „Neubezeichnung” oder gar einen „Namenswechsel”, wie einige Historiker, Publizisten und Politiker behaupten, hat es nie gegeben. Es gab jedoch schon immer eine Fremdbezeichnung und parallel dazu eine Eigenbezeichnung. Letztere wurde jedoch lange Zeit mangels Lobby und öffentlichen Interesses ignoriert. Der andauernde Versuch, Sinti und Roma als „Zigeuner“ zu bezeichnen, negiert ihre Eigenbezeichnung und verdeutlicht die noch immer stattfindende Unterdrückung eines Volkes, dem das Recht auf seine ursprüngliche, in der eigenen Sprache tradierte Bezeichnung abgesprochen wird.